23.08.2018

Vision Zero: keine Toten und Verletzten im Straßenverkehr

Status: in Bearbeitung

 

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

die Zahl der Verkehrstoten in der Stadt Augsburg hat 2017 mit sieben Getöteten erneut einen traurigen Höchststand erreicht. Noch besorgniserregender ist, dass sechs der sieben Getöteten sogenannte „ungeschützte Verkehrsteilnehmer“ waren (5 Radfahrer*innen und 1 Fußgänger*in). Noch nie sind in Augsburg so viele Radfahrer*innen ums Leben gekommen wie im Jahr 2017. Damit überbietet Augsburg sogar das fünfmal größere München, wo 2017 „nur“ vier Radfahrer*innen zu Tode kamen. Gleichzeitig stieg in Augsburg die Zahl der Unfälle mit beteiligten Radfahrer*innen seit 2008 um gut 34% und auch die Zahl der Verletzten um fast 40%.

Die Stadt Augsburg hat sich mit dem Projekt Fahrradstadt 2020 auf den Weg gemacht, den Radverkehrsanteil im Stadtgebiet dauerhaft zu steigern. Dass die Zahlen der Unfallstatistik steigen, mag ein Hinweis darauf sein, dass mehr Menschen mit dem Fahrrad unterwegs sind, aber es ist gleichzeitig auch ein verheerendes Signal an die Menschen, dass Radfahren in Augsburg nicht sicher ist. Aus unserer Sicht besteht daher dringender Handlungsbedarf.

Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) legt seit 2007 seiner Arbeit die Strategie „Vision Zero“ zugrunde. Ziel von „Vision Zero“ ist: keine Toten und Schwerverletzten im Straßenverkehr. Kern der Strategie ist ein sicheres Verkehrssystem und die Einsicht, dass der Mensch als Teil dieses Systems nicht fehlerfrei agiert. Die Gestaltung der Verkehrsmittel und der Verkehrswege muss dieser Erkenntnis entsprechen. Die Regelwerke zur Teilnahme am Straßenverkehr sind entsprechend anzupassen. Die Strategie „Vision Zero“ beruht auf vier Grundannahmen (Quelle: Deutscher Verkehrssicherheitsrat 2012: „Vision Zero – Grundlagen & Strategien“):

1)      Das Leben ist nicht verhandelbar

2)      Menschen machen Fehler

3)      Die tolerierbaren Grenzen liegen in der physischen Belastbarkeit des Menschen

4)      Menschen haben ein Recht auf ein sicheres Verkehrssystem

Die Stadt München hat im April 2018 entschieden sich die „Vision Zero“ nach den Vorgaben des DVR zu eigen zu machen und sie als Grundlage und strategisches Ziel für die Verkehrssicherheitsarbeit dort festzuschreiben. Auch zahlreiche nordeuropäische Städte verfolgen die „Vision Zero“ und sind dort bekanntermaßen in der Umsetzung bereits deutlich weiter als die meisten deutschen Städte. Der DVR hat in seiner Schriftenreihe Verkehrssicherheit in der Nr. 16 die Vision Zero detailliert beschrieben und auch drei strategische Handlungsfelder definiert: Mensch, Straße und Fahrzeug. Das macht deutlich, dass es nicht nur um Infrastruktur geht, sondern um einen ganzheitlichen Ansatz zur Reduktion von Unfallrisiken.

Wir stellen daher folgenden

Antrag:

1) Die „Vision Zero“ wird gemäß den Empfehlungen des deutschen Verkehrssicherheitsrats als Grundlage und strategisches Ziel der Verkehrssicherheitsarbeit der Stadt Augsburg festgelegt.

2) Die Verwaltung wird beauftragt in Zusammenarbeit mit dem betroffenen Dienststellen und der Polizei auf der Grundlage von Vision Zero ein Verkehrssicherheitskonzept für die Stadt Augsburg zu erarbeiten. Hierzu sollte analog zu München externer Sachverstand eingeholt werden.

Begründung:

Bereits heute finden sich im Bestand der Radverkehrsinfrastruktur häufig typische Defizite, welche die Entstehung von Unfällen begünstigen können. Dazu zählen unter anderem Sichthindernisse, unzureichende Furtmarkierungen, fehlende gesonderte Abbiegephasen an Lichtsignalanlagen, fehlende Sicherheitsabstände zu parkenden Fahrzeugen, unzureichend dimensionierte Radverkehrsanlagen oder die Art der Führung des Radverkehrs entspricht nicht (mehr) den Anforderungen eines sicheren Radverkehrs. Oberstes Ziel einer sicheren künftigen Verkehrsinfrastruktur ist daher die Schaffung flächendeckender Radverkehrsnetze mit regelwerkskonformen Radverkehrsführungen. Dabei sollte ein integrativer Ansatz verfolgt werden, bei dem die Belange des Radverkehrs bei jeder Planung gleichwertig zu denen der anderen Verkehrsteilnehmer berücksichtigt werden. Im Bestand der Infrastruktur muss ferner eine konsequente Verkehrssicherheitsarbeit erfolgen. Dazu gehören die Arbeit der Unfallkommissionen sowie die Durchführung von Sicherheitsaudits bei der Planung, Bestandsaudits und Verkehrsschauen.

Das Ziel Null Verkehrstote kann nur erreicht werden, wenn bei der Planung der Infrastruktur menschliches Fehlverhalten von Anfang an mit berücksichtigt wird, entsprechende Fehlertoleranzen eingebaut werden und bei bestehenden Anlagen versucht wird die Fehlerhäufigkeit zu reduzieren bzw. die Fehlerfolgen möglichst gering zu halten.

Mit freundlichen Grüßen

Stephanie Schuhknecht, Cemal Bozoglu

stellv. Fraktionsvorsitzende

URL:http://gruene-augsburg.de/fraktion00/antraege1/antraege-detail/article/vision_zero_keine_toten_und_verletzten_im_strassenverkehr/archive/2018/august/