Entwicklung des Textilviertels:

Leider konnte im Textilviertel die einzigartige Grundsubstanz aus den großzügigen Villengärten und den Firmenarealen mit ihren Altbaumbeständen und der vielfältigen Vegetation zum größten Teil nicht erhalten werden. Sowohl das optische Erscheinungsbild als auch die ökologische Bedeutung des Viertels sind heute nicht mehr existent, weil in den 1990er Jahren unter der Stadtregierung Menacher einer wirtschaftlichen Grundstücksverwertung mit einer flächenintensiven Verkehrserschließung der absolute Vorrang eingeräumt wurde. Die in einem Bürgerentscheid durchgesetzte Schleifenstraße durchschneidet das Viertel und ist bis heute eine nicht verheilende Narbe, die eine gesamtheitliche Entwicklung des Textilviertels unmöglich gemacht hat.


Erst spät und Dank der hartnäckigen Initiativen der Bürgeraktion Textilviertel wie der Grünen wurde der Wert dieses einmaligen historischen Erbes schätzen und schützen gelernt. Unter unserer Grünen Kulturbürgermeisterin Eva Leipprand gab es ab 2002 erste maßgebliche Impulse, das Textilviertel in seiner Qualität und Einzigartigkeit  zu erhalten, aufzuwerten und qualitätvoll neu zu entwickeln. Hier seien hier nur das TIM, das Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast oder die mittlerweile umgesetzten Beschlüsse zum Umzug des Stadtarchivs und der Stadtarchäologie auf das AKS-Gelände genannt. Weiterer Impuls war, Textilviertel und Herrenbach zum Stadtumbaugebiet zu machen.

 

Vorgeschichte:

Die Grundstücke auf der Fläche des Gewerbestandortes Martinipark gehören seit 1847 stets der Firma Martini. Die Stadt hat hier keinerlei Eigentumsrechte und ist letztlich nur als zuständige Planungs- und Genehmigungsbehörde beteiligt.


Die Firma Martini begann 1996 damit, den ehemaligen Textilstandort Martinipark in einen Gewerbepark umzuwandeln, wobei damals die alten Baumbestände und die historischen Gebäude erhalten wurden. Der gesamte Ostteil des Firmenareals wurde jedoch in dieser Zeit  mit einem Höchstmaß an Versiegelung einer baulichen Nutzung zugeführt. Aus dieser Zeit existiert auch ein nach wie vor rechtsgültiger Bebauungsplan (Nr. 443 II “Schäfflerbachstrasse, östlich”) aus dem Jahr 1997, der noch ganz im Sinne des damaligen Gewerbeparks eine weitere intensivere gewerbliche Nutzung für die Fläche zwischen diesem Gewerbepark und der Nagahama-Allee im Umfang von 7,7 ha vorsieht, zugleich aber auch den Erhalt des Großen Martiniparks beinhaltet. Das Areal von Martini hat insgesamt eine Fläche von ca. 20 ha.


2012 hat sich die Stadt mit der Firma Martini geeinigt, den so genannten kleinen Martinipark, eine ökologisch wertvolle Parkanlage mit geschütztem Landschaftsbestandteil, zu erhalten und ihn der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dafür musste die Stadt ein Ersatzbaugrundstück zur Verfügung stellen.


Zum aktuellen Bebauungsplan:

Mittlerweile erachtet die Firma Martini eine gewerbliche Erweiterung auf ihren Flächen für nicht mehr zwingend notwendig. Aus diesem Grund wird seit Jahren über die Entwicklung dieser Flächen intensiv diskutiert - gerade auch im Rahmen des Integrierten Stadtteilentwicklungskonzeptes (ISEK) für Textilviertel und Herrenbach, das im Juli 2010 beschlossen wurde.


Der nun aktuell vorliegende Bebauungsplan (Nr.461 “Südlich der Nagahama-Allee, zwischen Schäfflerbachstraße und Hanreiweg”) ist damit das Ergebnis einer fast 10-jährigen Verhandlungsphase zwischen dem Investor, der Stadt und den Bürgerinnen und Bürgern des Textilviertels. Er ist einer der letzten Bebauungspläne im Textilviertel seitdem die Entwicklungen in den 1990er Jahren in diesem Stadtteil begonnen haben. Dieses Ergebnis ist natürlich letztlich ein Kompromiss, der die unterschiedlichen Interessen versucht, in ein Gleichgewicht zu bringen und bei dem keiner der Beteiligten alles durchsetzen konnte. Wir GRÜNE tragen diesen Kompromiss mit, weil er im Dialog entstanden ist und wichtige Ziele des ISEKs sowie Wünsche der Bürgerschaft darin realisiert werden.


Dieser Kompromiss beendet die bisher noch rechtlich zulässige Bebauung durch Gewerbe, die dem Textilviertel in seiner Gesamtheit wie auch dem Großen Martinipark auf Dauer sehr geschadet hätte. Denn aus ökologischer Sicht ist auch zu sagen, dass die Realisierung eines Gewerbegebiets höhere negative Auswirkungen auf die Natur aber auch die Tierwelt hätte, da die Bauflächen intensiv genutzt und versiegelt würden und vor allem viel Lieferverkehr und Lärm auf die (dann nicht öffentlich zugängliche) Parkfläche einwirken würden. Der alte Bebauungsplan von 1997 steht noch dazu im diametralen Gegensatz zu den Zielen des ISEKs.


ISEK Textilviertel-Herrenbach

Das 2010 beschlossene ISEK Textilviertel-Herrenbach formuliert als wesentliche Zielsetzungen für das Stadtquartier ein verträgliches Nebeneinander von Wohnen und Arbeiten, eine verbesserte Durchwegung für Fußgänger und Radfahrer von der Innenstadt zum Lech sowie eine ökologische und gestalterische Aufwertung der Bäche und Grünflächen (“blaue und grüne Adern”) und legt vor allem den Fokus darauf, dass die einmalige Geschichte und Identität des Stadtteiles erhalten wird. Für den Bereich des Martini-Areals wird vor allem der Wunsch nach einer Öffnung und Durchwegung von Teilflächen des Großen Martiniparks sowie eines Zugangs, einer Erlebbarkeit und zudem ökologischen Aufwertung der Bäche, Kanäle und Lechauen wie der Grünflächen formuliert. Blaue und grüne Adern sollen sich zum Biotopverbund vernetzen. Diese Zielsetzungen finden sich im vorgelegten Bebauungsplan wider.


Großer Martinipark

Der “Große Martinipark”, der ein Teil des vorliegenden BBPs und momentan ein geschlossener und privat gepflegter Landschaftspark ist, bleibt eingeschränkt erhalten. Auf eine Neugestaltung wird verzichtet, er soll in seiner jetzigen Gestalt erhalten bleiben. Neu ist, dass ein Teil des Parks (1 ha) nördlich der neuen Wegeverbindung öffentliche Grünfläche wird und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Der Bereich (1,5 ha) südlich der Wegeverbindung bleibt dagegen weiterhin privat und dem Martinigewerbepark zugeordnet. Der Große Martinipark wird dabei sowohl als öffentliche als auch private Grünfläche planungsrechtlich gesichert und besonders wertvoller Altbaumbestand wie auch eine naturschutzkonforme extensive Pflege des Parks festgesetzt. Positiv hervorzuheben ist eine gestärkte ökologisch orientierte Entwicklung der Bäche. Dies entspricht der Zielsetzung der Biodiversitätsstrategie und orientiert sich am  Arten- und Biotopschutzprogramm Bayern.


Bäume

56 nach der Baumschutzverordnung geschützte Bäume müssen aufgrund der Baupläne gefällt werden, wodurch auch Brutstätten verloren gehen. Auf Basis des alten Bebaungsplans wurden diese bereits im Feb. 2016 gefällt. Als Kompensationsmaßnahmen ist zudem das Aufhängen von Fledermaus- und Höhlenbrüter-Nistkästen vorgeschrieben. Mindestens 76 Bäume sind neu zu pflanzen, womit die Baumbilanz als annähernd ausgeglichen betrachtet werden kann. Durch die Baumneupflanzungen entstehen mittelfristig dann auch wieder neue Brutplätze. Wir werden uns dafür einsetzen, dass weitere Neupflanzungen erfolgen. Über 200 große Bäume bleiben im Großen Martinipark erhalten. Besonders wertvoller Baumbestand wird festgesetzt, womit die Biodiversitätsstragie auch in diesem Punkt umgesetzt wird.

Im nördlichen Teil des Großen Martiniparks sind Bestandsbäume mit einem individuell geringerem Wert. Der Bebauungsplan sieht hier aber nicht die automatische Fällung aller Bestandsbäume vor, sondern es soll konkret im Baufortschritt entschieden werden, ob und welche Bäume unter Umständen noch gefällt werden müssen. Die gefällten Bäume werden ortsnah nach den Vorschriften der Baumschutzverordnung nachgepflanzt, um den Charakter des Parks langfristig zu erhalten. Wir werden auf jeden Fall hier genau aufpassen, sollten Bäume gefällt werden müssen.


Baulinien

Der Investor kann eine anteilige wohnbauliche Entwicklung im nördlichen Teil des Parks vornehmen, die im Umfang in etwa dem alten, rechtskräftigen Bebauungsplan entspricht. Die Baulinien wurden dabei nur minimal verändert und es wird insgesamt auch nicht mehr Fläche versiegelt als dies beim noch rechtlich gültigen BP der Fall gewesen wäre. Bei den Baulinien der Tiefgaragen wurde uns vom Stadtplanungsamt und vom Baureferenten zugesichert, dass das Wurzelwerk der nahe stehenden Bäume nicht beschädigt wird bzw. eine Umplanung stattfindet, falls dies nötig wäre.


Blaue Adern

Positiv hervorzuheben ist vor allem eine gestärkte ökologisch orientierte Entwicklung der beiden Bachläufe Fichtel- und Hanreibach, die das Areal durchziehen. Hier werden breite und durchgängige naturnahe Entwicklungsräume für die Bächläufe vorgesehen. Ein schmalerer Streifen entlang der Bäche wird für eine sukzessive Renaturierung vorgesehen, um den Bächen wieder mehr Raum zu geben. Der Biotopverbund der Bachlaufe wird auf diese Weise verbessert, was der Biodiversitätsstrategie entspricht. Die restlichen Flächen werde als extensiv gepflegte Wiesenflächen oder Hochstaudenfluren angelegt. Ziel ist es bachbegleitende Uferzonen feuchter Prägung (Röhrichtzonen) zu schaffen. Hinzu kommt, dass die Bäche u.a. mit Sitzgelegenheiten und Freitreppen erlebbar gemacht werden. Die Entwicklung und Hervorhebung der “blauen Adern” war ein Hauptziel des ISEKs und wird damit konkretisiert.


Wegeverbindung

Besonders positiv ist auch, dass der Park durch eine öffentliche Geh- und Radwegeverbindung in West-Ost-Richtung dauerhaft der Öffentlichkeit zugänglich und durchgängig gemacht wird. Dieser Weg stellt eine übergeordnete Wegeverbindung zwischen der Innenstadt und dem Lech her. Perspektivisch kann der 3,5m breite Weg bis zum Glaspalast verlängert werden. Diese Wegeverbindung war vor allem der Bürgerschaft wichtig und wurde im ISEK eingefordert, um das Areal erlebbar zu machen und auch kürzere und direktere Wegebeziehungen im Textilviertel herzustellen. Die Wege werden dabei so geschwungen gelegt, dass die meisten Bäume auf der Ost-West-Achse erhalten werden können und auch durch die Maßnahme nicht beeinträchtigt werden. Hier haben wir explizit mehrfach nachgefragt und werden auf jeden Fall ein wachsames Auge bei der Baumaßnahme haben.


Wohnbau

Auf dem Plangebiet entstehen insgesamt ca. 350 neue Wohneinheiten. Geplant sind dabei Geschossbauten als Zeilen- und Punktbebauung mit 3 bis 4 Stockwerken. Nur zur Schleifenstraße hin werden aus städtebaulichen und Lärmschutzgründen 5 Geschosse realisiert. Die Häuser werden mit Flachdächern ausgeführt, wie es im Textilviertel bereits seit gut 100 Jahren üblich geworden ist. Außerdem eignen sich Flachdächer hervorragend für die Nutzung von Solarthermie- und Photovoltaikanlagen und für Begrünung.

Das ISEK sieht ein verträgliches Nebeneinander von Wohnen und Arbeiten im Viertel vor. Die nahen Gewerbebetriebe bieten potentiell nahe Arbeitsplätze, sind aber durch großzügige Park- und Grünflächen so von der Wohnbebauung getrennt, dass die Beeinträchtigungen minimal gehalten werden. Innenstadtnahes Wohnen bringt auch immer eine höhere Lärmbelastung (v.a. durch die Schleifenstraße) mit sich. Dies wird jedoch durch bauliche Maßnahmen abgemildert. Im Quartier wird als zentraler Punkt ein verkehrsberuhigter Anger entlang des Hanreibachs mit Sitzgelegenheiten, Bäumen und einer zum Wasser führenden Freitreppe gestaltet, wodurch eine insgesamt sehr hohe Aufenthaltsqualität erreicht wird.

10% der neuen Wohneinheiten werden im öffentlich geförderten Wohnungsbau errichtet und mit einer Belegungsbindung von 25 Jahren versehen. Dadurch wird auf lange Zeit auch Wohnraum für sozial Benachteiligte im Quartier geschaffen und eine Durchmischung der Bevölkerung sichergestellt. Außerdem beabsichtigt die Firma Martini einen Großteil der neuen Wohnungen im eigenen Eigentum zu halten und als Mietwohnungen anzubieten. Auch hierdurch wird gesichert, dass keine zu großen Mietpreisunterschiede im Quartier entstehen.

Am Nordrand des Großen Martiniparks ist außerdem eine Fläche gesichert, auf der eine Kindertagesstätte entstehen wird. Sie wird so dimensioniert sein, dass der erwartete Bedarf an zuziehenden Familien mit Kindern dort abgedeckt wird.


Gärtnerhaus

Das so genannte Gärtnerhaus wurde bereits 1997 nach dem immer noch bestehenden Baurecht für den Abriss frei gegeben. Ein Antrag auf Denkmalschutz des Gärtnerhauses und der Gewächshäuser wurde geprüft. Bei einer kürzlichen Begehung durch das Landesamt für Denkmalpflege und der Unteren Denkmalschutzbehörde konnte keine Denkmaleigenschaft festgestellt werden. Auch ein Ensembleschutz ist nicht möglich, da das Hauptgebäude des Parks (Fabrikantenvilla) im zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Baulich war das Gärtnerhaus in einem völlig desolaten Zustand und hätte nur mit hohem wirtschaftlichen Aufwand saniert werden können. Daher hat der Eigentümer Martini entschieden das Gebäude aufgrund des bestehenden Baurechts abzureißen, was er ja schon seit 1997 hätte tun können. Moralisch kann man dieses Vorgehen kritisieren, da das Gärtnerhaus mit seinen Gewächshäusern natürlich trotzdem ein schönes Ensemble im Grünen und der Abriss erst für Ende des Jahres angekündigt war. Rechtlich gab es keinerlei Handhabe der Stadt oder des Stadtrats den Abriss zu verhindern. Außerdem wäre eine erhebliche Fläche für die Wohnbebauung auf dem Areal weggefallen.


Biodiversität

Laut Stellungnahme des Amts für Grünordnung wäre ein Erhalt von Biotopeinheiten auf der Planfläche nur unter der Voraussetzung sinnvoll und möglich gewesen, wenn man auf eine bauliche Nutzung weiträumig verzichtet hätte. Diese Position vertreten auch der BN und der Naturschutzbeirat, die zudem eine Öffnung des Martiniparks abgelehnt haben. Wir Grüne können diese Forderungen nachvollziehen, da sie aus der Perspektive des Naturschutz und des Artenschutzes selbstverständlich sinnvoll und notwendig sind. Allerdings waren diese gegenüber dem Investor nicht durchsetzbar.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Ziele der Biodiversitätsstrategie der Stadt mit diesem Bebauungsplan umgesetzt bzw. konkretisiert werden: planungsrechtliche Sicherung der Parkanlage als öffentliche bzw. private Grünfläche mit zu erhaltendem festgesetztem Altbaumbestand, Verbesserung des Biotopverbunds der Stadtbäche, naturschutzkonforme extensive Pflege der Parkanlage und die Einbeziehung der neuen Baugebiete in den Biotopverbund. Weitere Zielerreichungen wären zwar wünschenswert, aber im Verlauf des zehnjährigen Diskussions- und Verhandlungsprozesses von unterschiedlichen Interessen nicht weiter realisierbar.


In einer Gesamtabwägung sowie vor dem Hintergrund des akuten Wohnraumbedarfs tragen wir den vorgelegten Bebauungsplan mit.

URL:https://gruene-augsburg.de/themen2/umwelt-klima-verbraucherinnenschutz/single-umwelt/article/stellungnahme_zum_bebauungsplan_nr_461_und_den_entwicklungen_im_martinipark/